„Die, die sonst niemals weinte“

Referentin Erdmuthe Müller-Taube lässt die „Herzberger Louise“ auferstehen

Erdmuthe Müller-Taube
Erdmuthe Müller-Taube

Herzberg. An der Schwarzen Elster hatte sie vor nahezu 200 Jahren das Licht der Welt erblickt: die Dichterin Louise von François. Sie hätte gut nach Herzberg gepasst, wenn das Schicksal es nicht anders gewollt hätte. Aus ihrer Feder stammen Worte wie „Deutschland bleibt ein Frikassee“ und „Arbeit und Pflicht sind unsere Mächte“. Der Vortragsabend rund um Leben und Werk einer außergewöhnlichen Frau, die reich, unabhängig und denkend schrieb, die die Welt, der sie gerade bedurfte, auf dem Papier entstehen ließ, lockte am Freitag, dem 31. März, 2017, über zwanzig Besucher an. Der Kultur- und Heimatverein hatte zusammen mit Louise-Verehrer Horst Gutsche auf den Theaterboden der BücherKammer geladen. Eine Veranstaltung, die vom Landkreis Elbe-Elster und der Sparkassenstiftung gefördert worden ist.

Während des glänzenden Vortrages der Weißenfelserin Erdmuthe Müller-Taube, die Referentin ist bemerkenswerte 92 Jahre alt, hätte man Stecknadeln fallen und leises Staunen hören können. Nicht Wenige waren überrascht, dass sich hinter dem Namen dieses Herzberger Kindes eine Schriftstellerin verbirgt, die in ihren Tagen mit Theodor Fontane in einem Atemzug genannt worden ist. Das Erfolgsrezept, das ihr dazu verhalf, sieht augenscheinlich eher nach Misserfolg und vielen unerfüllten Lebensträumen aus.

„Bereits mit 15 Monaten wandte sich das Lebensglück der kleinen Louise grundlegend. Der Vater starb. Weggang von Herzberg nach Weißenfels – der Anfang eines Jahrzehnte dauernden Streites um das väterliche Erbe, um das Louise schließlich betrogen werden sollte“, nimmt die ehemalige Dozentin für Lehrerbildung Müller-Taube die ersten Maschen für einen dichter werdenden biografischen Stoff auf. Louise wächst zu einer wunderschönen, graziösen Frau heran mit viel Sinn für das Schreiben, Theater und Musik. Sie verleibt sich in den sympathischen Graf von Görtz, ein gewinnender beliebter junger Adliger. Die Verlobung hält sechs Jahre an und wird aus Geldnot gelöst. Louise leidet und lernt fürs Leben. Ihre Lage verschlimmert sich. Sie hält sich über Wasser, indem Sie Verwandten den Haushalt führt, steigt gesellschaftlich ab, sieht zu, wie ihr geliebter Flügel verkauft und aus dem Haus getragen wird. „Da brach sie in Tränen aus, die, die sonst niemals weinte“, senkte Müller-Taube mitfühlend die Stimme. Louise beginnt zu schreiben.

Mit Vorliebe erweckt sie Frauencharaktere zum Leben, die ganz und gar nicht dem Frauenbild ihrer Zeit ähnlich sahen. Mit männlichem Verstand und Tatkraft beschenkt, erscheinen sie nüchtern und selbstständig. Louises Poesie durchzieht ein glasklarer analytischer Stil, der den Niedergang des Adels, Standesvorurteile und die Geschlechterproblematik zum Thema macht. Hinzu gesellt sich eine tiefe Liebe zu Natur und Landschaft und menschlichen Eigentümlichkeiten, die offenbar werden lassen, wie tief sich die Dichterin in Welten und Sichtweisen hineinfühlen konnte. „Diese warmherzige, fundierte Vorstellung der Schriftstellerin hat mich sehr berührt“, gesteht Renate Sachse, die aus Bad Liebenwerda angereist war. „Louise von François vermochte es, wach zu rütteln und dabei die Sinne zu streicheln“, fügt die Kunst- und Heimatfreundin an.

Der Vortragenden Erdmuthe Müller-Taube und dem Forschungsgeist von Horst Gutsche ist es zu verdanken, dass Louise von François auferstanden ist und in den Gedächtnissen der Herzberger weiterleben wird.

Am 27. Juni hätte Louise von François ihren 200. Geburtstag gefeiert. An diesem Tag soll in einem Festakt eine Gedenktafel in Herzberg eingeweiht werden.

 

Stephanie Kammer 

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